DER APOSTEL JAKOBUS

Im neunten Jahrhundert verbreitete sich im heutigen Spanien, ja, sogar unter Gelehrten in ganz Europa, die Nachricht, dass der Eremit Pelagius auf himmlische Zeichen hin ein Grab mit den Gebeinen des Apostels Jakobus am Nordwestkap der Iberischen Halbinsel, bei Finisterre am äußersten Rand der Christenheit gefunden hätte. Für die Christen bedeutete der Fund in Santiago eine sensationelle Neuigkeit und - Quellen aus Spanien und Europa zufolge - zogen von nun an Pilger zum vermeintlichen Apostelgrab1.2

Umso mehr Wallfahrer die neu aufgefundenen Heiligengebeine besuchten, desto häufiger kam die Frage auf, wie der Apostel von Palästina nach Spanien gelangt war. Verschiedene Legenden verbreiteten sich in Europa und in Anbetracht, dass der Jakobus auch heute noch in Santiago verehrt wird, kann man sie zu einer der „wirksamsten, langlebigsten, aussagekräftigsten und realitätsfernsten religiösen Märchen, welche die christliche Tradition je hervorgebracht hat“3 zählen.

Jakobus der Ältere, Sohn des Zebedäus und Bruder des Apostels Johannes, war den Legenden zufolge, nach einem wenig erfolgreichen Aufenthalt in Spanien wo er das Evangelium verkünden sollte, nach Jerusalem zurückgekehrt und wurde dort, auf Befehl Herodes Agrippa I., im Jahr 44 hingerichtet.4

Einer Erzählung nach brachten zwei seiner Jünger den Leichnam daraufhin auf einer Barke an die Nordwestküste Spaniens, wo sie die Fürstin Lupa um Erlaubnis der Bestattung des Apostels baten. Diese weigerte sich zunächst dem Wunsch nachzukommen und unternahm verschiedene Versuche, die Jünger umzubringen. Nachdem die Jünger jedoch allen Gefahren widerstanden hatten - dies deutete sie als Wunder - gewährte sie die Beisetzung.

 

Einer anderen Erzählung nach war der Apostel nach seiner Enthauptung nach Jaffa gebracht worden und von dort durch Gottes Hand geleitet, über das Meer nach Galicien getrieben.Dort hätte der Eremit Pelagius gelebt, dem Engel mitteilten, dass er das Grab des Apostels finden würde, folge er himmlischen Lichtern. So geschah es und auch der Ortsbischof hörte von der himmlischen Nachricht. Als sie das Grab entdeckten berichteten sie es dem König, der daraufhin eine Kirche über dem Grab errichten ließ.6

Ab dem 10. Jahrhundert besuchten auch Pilger aus dem französischen, deutschen und italienischen Raum das Heiligengrab. Sie überquerten die Pyrenäen in der Nähe von Jaca und nutzten in Nordspanien die alten Römerstraßen in Richtung Atlantikküste.

Die Jakobspilger nutzten auf ihrem Weg durch Europa Handels- und Heerstraßen um sicher und zügig voran zu kommen und Herbergen und die nötige Infrastruktur für ihre Reise vorzufinden. Die Fortbewegung zu Lande fand, je nach sozialem Stand, zu Fuß, zu Pferde oder- über das Meer zu Schiffe statt. Die Kirche unterstütze die Wallfahrer indem sie die Pilger unter geistlichen Schutz stellte.

Im 11. Jahrhundert wurde Compostela zum Erzbistum erhöht, was noch größere Pilgerscharen anlockte und den Reichtum und Einfluss Santiagos deutlich anwachsen ließ.7 Es entstand ein Wegenetz, das ganz Europa überspannte und sich, dem Ziel nähernd, immer mehr bündelte.

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Text: Lara Buschmann

  1. Im Folgenden werde ich nicht mehr bei jeder Erwähnung des Apostelgrabes betonen, dass die Echtheit der Gebeine nicht wissenschaftlich nachgewiesen ist und das Grab daher nur das vermeintliche Grab des Apostels ist, möchte dies aber an dieser Stelle für alle folgenden Erwähnungen anmerken.
  2. Pilger aus den Gegenden nördlich der Pyrenäen sind ab dem 10. Jahrhundert belegt, wie heute machten die größten Pilgerzahlen nach den Pilgern aus dem französischen Raum Gläubige aus Deutschland und Italien aus.
  3. Seibt, Ferdinand: Die Begründung Europas. Ein Zwischenbericht über die letzten tausend Jahre, Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung, Bd. 478,  Bonn 2005, S. 109
  4. Vgl.: Zeitverlag Gerd Bucerius GmbH & Co. KG (Hrsg.): Die Zeit. Das Lexikon in 20 Bänden, Hamburg 2005. Bd. 7, Hamburg 2005, S. 226
  5. Vgl.: Herbers, Klaus: Jakobsweg, S. 12
  6. Vgl.: Kanz, Heinrich: Die Jakobswege als Erste Europäische Kulturstraße. Wanderpädagogische Reflexionen, Frankfurt/Main 1995, S. 27f
  7. Vgl.: Herbers, Klaus: Der Jakobsweg, S. 19