DAS „HEILIGE JAHR“ IN SANTIAGO DE COMPOSTELA

Immer wenn der 25. Juli eines Jahres, der Namenstag des heiligen Jakobus, auf einen Sonntag fällt, wird in Santiago de Compostela ein „Heiliges Jahr“ gefeiert.

Die Tradition des „Heiligen Jahres“ in der Stadt des Apostelgrabes von Jakobus d. Älteren soll, so munkelt man noch heute, bereits durch Papst Calix II. zu Beginn des 12. Jahrhunderts eingeführt worden sein. Damit wäre die Tradition der „Heiligen Compostelanischen Jahre“ älter als die ider Heiligen Jahre in Rom.  Der Brauch basiert auf dem Ereignis der in der Bibel beschriebenen Jubeljahre der Israeliten. Hier heißt es, dass es alle sieben Jahre ein Sabbatjahr gäbe, in dem ein jeder das Land zurückerwerbe, das er in der Not hätte veräußern müssen. Als Zeichen der Dankbarkeit sei den Sklaven in der Folge die Freiheit geschenkt worden (3. Mose 25). Um die Tradition des „Jubeljahres“ fortzuführen, wurden in verschiedenen Pilgerzentren des christlichen Europas zu Ehren ihrer Heiligen ab dem Mittelalter die „Heiligen Jahre“ eingeführt.

Die Tendenz des siebenjährigen Rhythmus gilt noch heute in etwas modifizierter Form für das „Heilige Jahr“ in Santiago de Compostela. Durch die Tatsache, dass alle vier Jahre ein Schaltjahr ist, verkürzt sich das Intervall, in dem im Normalfall sieben Jahre vergehen, bis der 25. Juli wieder auf einen Sonntag fällt, auf sechs oder sogar fünf Jahre. Überspringt die durch ein Schaltjahr verursachte Verschiebung von zwei Tagen den Sonntag, verlängert sich das Intervall hingegen auf elf Jahre. Somit ergeben sich in Santiago de Compostela im Durchschnitt vierzehn „Heilige Jahre“ in einem Jahrhundert.

Am Silvestertag des Vorjahres wird die sonst vermauerte „Heilige Pforte“ als Zugang zur Kathedrale der Stadt durch den Erzbischof des Bistums von Santiago de Compostela geöffnet und bleibt dies von diesem Zeitpunkt an während des gesamten „Heiligen Jahres“.

Beim Durchschreiten der „Heiligen Pforte“ wird den Pilgern, die Mindestens 100 km zu Fuß oder 200 km zu Pferd oder mit dem Fahrrad auf dem Weg zum Apostelgrab zurückgelegt haben, eine besondere Gnade in Form eines Generalablasses der Sünden durch die katholische Kirche gewährt. Hier findet sich der zweite Anknüpfungspunkt an die Tradition der „Jubeljahre“ der Israeliten.

Die Existenz der „Heiligen Jahre“ und die damit in Zusammenhang stehenden religiösen Traditionen bewirken, dass sich in diesen Jahren überdurchschnittlich viele Pilger nach Santiago de Compostela aufmachen, was anhand der Pilger-Statistiken der letzten Jahre nachvollzogen werden kann. Während sich in den 1980er Jahren noch keine besonders bemerkenswerten Unterschiede in den Pilgerzahlen von „normalen“ und „Heiligen Jahren“ zeigten, war im „Heiligen Jahr“ von 1993 das erste Extrem zu verzeichnen. Nachdem im Vorjahr lediglich knapp 10.000 Pilger registriert wurden, kam es im folgenden „Heiligen Jahr“ mit knapp 100.000 Pilgern zu einer Verzehnfachung dieser Zahl. Das „Heilige Jahr“ von 1999 brachte eine Pilgerzahl von über 150.000 mit sich, während sich im Vorjahr nicht mehr als 30.000 Pilger in Santiago de Compostela registrieren ließen. Im „Heiligen Jahr“ von 2004 wurden die bis dato geltenden Rekordzahlen noch einmal übertroffen und es konnten im Ganzen ca. 180.000 Pilger gezählt werden; im Vorjahr waren es knapp 100.000 weniger. Dass der Trend der Rekord-Pilgerzahlen weitergeht, sieht man im aktuellen „Heiligen Jahr“ 2010, in dem  bis Ende Oktober bereits knapp 260.000 Pilger registriert wurden.

Text: Katja Falkenbach und Teresa Kretschmer