JAKOBSWEGE HEUTE

In den achtziger Jahren wurde der historische Jakobsweg wieder zum Leben erweckt und man nutzte ihn auf staatlicher, regionaler und religiöser Ebene zur Gründung eines neuen Europas, eines neuen europäischen Gefühls der Gemeinsamkeit.

In Spanien verwendeten regionale Regierungen den Gedanken besonders um die historische Gegend des Jakobsweges zu schützen und ihr zu neuem Glanz zu verhelfen, die katholische Kirche unterstütze die Wiederbelebung in der Hoffnung, die Jugend Europas zum christlichen Glauben zurückzuführen.[1]

Das Interesse am Jakobsweg im europäischen Ausland stieg weiterhin kontinuierlich an und überall in Europa gründeten sich Jakobsweg-Vereinigungen die Recherche betrieben, kleine Informationshefte herausgaben und sich um die Wiederbelebung der Wege außerhalb Spaniens kümmerten.

Verschiedene Kongresse fanden statt[2]: Auf dem „Congreso Internacional de Asociaciones de Amigos del Camino de Santiago” in Jaca wurden Themen wie Pilgerausweis und Unterkünfte auf dem Weg diskutiert. Aus dem Kongress ging die „Federación Española de Asociaciones de Amigos del Camino de Santiago“ hervor, die vor allem vom spanischen Kultusministerium Unterstützung erhielt, (womit sich die spanische Regierung nun wieder finanziell und politisch an der Wiederbelebung des Caminos beteiligte) um die Verbesserung der Infrastruktur des Weges und andere Aufgaben zu koordinieren und durchzuführen.[3]

Einen Monat nach dem Kongress, am 23. Oktober 1987, erklärte der Europarat den spanischen Jakobsweg zur „Ersten Kulturstraße Europas[4] (spanisch: „Primer Itinerario Cultural Europeo“): „por la existencia de un espacio europeo cargado de memoria colectiva y cruzado por caminos capaces de superar distancias, fronteras y lenguas”.[5](zu deutsch = ..."für die Existenz eines europäischen Raumes, gefüllt mit gemeinsamer Erinnerungen und durchzogen von Wegen, durch die Entfernungen, Mauern und Sprachen überwunden werden könne") Im kommenden Jahr fand - um die Pilgerroute zu schützen und weitere Forschung zu betreiben - ein Kongress mit dem deutschen Jakobsweg-Studienzentrum und dem Komitee für Denkmalschutz statt. 

1993 stellte wieder ein Heiliges Jahr dar und die Kommunalregierungen schufen überall am Weg Camps für die erwarteten Pilger.[6] Knapp 100.000 Pilger baten in diesem Jahr in Santiago um die „Compostela“, die traditionelle Pilgerurkunde. Galicien nutzte dieses »Pilger-Event« indem es die Wallfahrer auch in andere strukturschwache Gegenden Nordspaniens lockte und sie so einige Tage länger als Touristen im Land behielt.

Viele der vermeintlichen »Pilger«, die in diesem und den folgenden Jahren nach Santiago kamen, waren sich weder der Geschichte noch der Bedeutung des Jakobsweges bewusst - der Jakobsweg war zu einer Touristenattraktion geworden.[7] Reiseführer wurden in Massen produziert und am Weg selbst identifizierte sich plötzlich jede Bar, jedes Hotel, ja sogar Nahrungsmittelgeschäfte mit dem Weg und nutzten mit ihm zusammenhängende Namen für ihre Vermarktung. Auch die spanische Regierung[8] stand nun wieder zum Heiligen Jakobus und ein „Consejo Jacobeo wurde gebildet, der sich bis heute um die Ausschilderung und Instandhaltung der Baudenkmäler sowie Bewerbung und Organisation von Veranstaltungen kümmert.[9] [10]

Santiago wurde im Jahr 2000, nach einer langen Kampagne, in der die Beziehung Santiagos zu Europa und das 1000-jährige Erbe des Weges in den Vordergrund gestellt wurde, Kulturhauptstadt Europas und damit zur zweifachen Weltkulturerbestätte der Unesco.

Über die Anzahl der Jakobspilger die jährlich in Santiago de Compostela eintreffen, gibt es erst seit Mitte der achtziger Jahre verlässliche Zahlen. In den fünfziger und sechziger Jahre wurde zwar bereits ein Pilgerregister geführt, dies existiert allerdings nicht mehr.

In den siebziger Jahren wurde daraufhin ein neues Verzeichnis angelegt, das zunächst sehr niedrige Pilgerzahlen registrierte: Die Tiefstwerte in den Jahren nach Francos Tod lagen bei unter 30 Pilgern pro Jahr und selbst im Heiligen Jahr 1971 wurde nur ein Spitzenwert von 471 Pilgern erreicht.

Ab 1985, als Santiago zum Weltkulturerbe der UNESCO ernannt wurde, begann die Zahl der Fuß- und Radpilger kontinuierlich zu steigen, eine Tendenz, die sich ab 1987, als der Camino zur „Ersten Europäischen Kulturstraße“ erklärt wurde, noch eindeutiger fortsetzte. In den kommenden Jahren stiegen die Zahlen von Jahr zu Jahr zwischen 16 und 64 Prozent und erreichten so im Jahr 1992 mit 9.764 Pilgern erstmals fast eine fünfstellige Zahl.

1993, im ersten Heiligen Jahr nach dem Machtwechsel in Spanien, der Wende in Europa durch den Fall der Mauer und die Auflösung des Eisernen Vorhangs, rollte eine fast 100.000-Mann starke Pilgerwelle in Santiago ein, was eine Verzehnfachung zum Vorjahr darstellte. Im Folgejahr fielen die Zahl im Bezug auf das Heilige Jahr wieder deutlich ab, nahmen aber im Vergleich zum Vorjahr mit 15.863 Pilgern deutlich zu. Ab Mitte der neunziger Jahre stiegen die Zahlen – zwar nicht ganz so rasant wie in den achtziger Jahren aber dennoch weiterhin - kontinuierlich an, wobei die Heiligen Jahre immer die Höhepunkte darstellen und Abfälle immer im Folgejahr der Heiligen Jahre zu finden sind.

Im Jahr 2006 wurde erstmals in einem „nicht-Heiligen Jahr“ die 100.000er Marke überschritten.

Quellen (bitte klicken)

Text: Lara Buschmann

  • [1]  Vgl.: Frey, Nancy L.: Santiagopilger unterwegs und danach, S. 305
  • [2]  1983 internationales Symposium „Die Wallfahrt nach Santiago de Compostela und die Literatur“, 1985 Erstes Treffen der Jakobswallfahrer in Santiago und die Ausstellung „1000 Jahre europäischer Wallfahrt“ in Gent.
  • [3]  Vgl.: Frey, Nancy L.: Santiagopilger unterwegs und danach, S. 335
  • [4]  Der europäische Aspekt des Jakobsweges kann in dieser Arbeit leider nicht diskutiert werden, da dies den Rahmen der Arbeit sprengen würde.
  • [5]  Federación Española de Asociaciones de Amigos del Camino de Santiago, URL.: http://www.caminosantiago.org/cpperegrino/encuesta/foroanalisis.asp [Abfrage: 24.08.09]
  • [6]  Im Zuge der Demokratisierung wurde Spanien zu einem laizistischen Staat und Religion wurde wieder anfechtbar. Neue geistliche Bewegungen breiteten sich vom Ausland kommend in Spanien aus und vor allem junge Menschen wandten sich von der katholischen Kirche ab. Seitdem nutzt die Kirche den Jakobsweg, um spirituelle Menschen zurück zum katholischen Glauben zu führen. Dabei unterstütz sie Papst Johannes Paul II., der in den 80er Jahren zweimal Santiago besuchte und die Bedeutung des Glaubens für eine Einigung Europas betonte. Sein zweiter Besuch fand während des Weltjugendtages 1989 in Santiago statt wo sich tausende Jugendliche einfanden. (Vgl.: Frey, Nancy L.: Santiagopilger unterwegs und danach, S. 337f)
  • [7]  Vgl.: Frey, Nancy L.: Santiagopilger unterwegs und danach, S. 340f
  • [8]  Zu der Zeit das Partido Socialista Obrero Español (PSOE) zu dt.: Spanische Sozialistische Arbeiterpartei mit der spanischen Kultusministerin Carmen Alborch die den Vorsitz des Consejo Jacobeo (Jakobsweg-Rat) inne hatte.
  • [9]  Vgl.: Consejo Jacobeo, URL: http://www.mcu.es/cooperacion/MC/ConsJacobeo/ConsJacobeo/Funciones.html [Abfrage: 25.08.09]
  • [10]  Frey ist der Meinung, der Rat entferne sich zunehmend von den Pilgern und dem Jakobsweg in seinem eigentlichen Sinne. So wurde zeitweilig ein Vergnügungspark auf dem Monte del Gozo (dem letzten Berg vor Santiago) geplant und auch in der Kampagne für das das heilige Jahr 1993 wird die Kulturhauptstadt Santiago in den Vordergrund gerückt und der Heilige selbst sowie die Werte des Weges tauchen kaum noch auf.
  • [11]  Spanisch: „Registro de la Oficina de Acogida de Peregrinos“. Ausgewertet von der „Oficina de Sociología del Arzobispado de Santiago de Compostela“ (dt.: Soziologisches Büro des Erzbistums Santiago de Compostela). (Vgl.: Arzobispado de Santiago de Compostela, URL: URL: http://www.archicompostela.org/peregrinos/Estadisticas [Abfrage: 01.08.2009])